Das ZDF hat „Keine Angst“ von Danger Dan kurz vor der Aufzeichnung aus der Anstalt genommen. Die Begründung: Der Song könnte als Aufruf zur Gewalt verstanden werden, und das passe nicht zu den Werten des Senders. Die Macher der Sendung haben versucht, das noch zu drehen. Ohne Erfolg.
Seitdem wird viel über Zensur geredet. Ich habe mir den Song deshalb in Ruhe angesehen und Strophe für Strophe gesagt, was ich davon halte. Das Ergebnis ist weniger eindeutig, als ich dachte.
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Zensur ist das nicht
Fangen wir mit dem Wort an, das gerade am häufigsten fällt. Der Song ist nicht zensiert. Er ist da, jeder kann ihn hören, und durch die Aufregung haben ihn vermutlich mehr Menschen gehört als nach einer Ausstrahlung in der Anstalt.
Ein Sender, der sagt, das wollen wir so nicht zeigen, trifft eine redaktionelle Entscheidung. Man kann sie für falsch halten. Ich glaube, dass die Empörung groß gewesen wäre, wenn etwas Vergleichbares von rechts gekommen wäre und ein Sender es durchgewinkt hätte. Am Umgang habe ich trotzdem etwas auszusetzen: Wenn der Beitrag über Wochen abgestimmt war, kann man ihn nicht kurz vorher aus dem Programm nehmen. Das war nicht in Ordnung.
Der Gewaltteil überzeugt mich nicht
Der Song ruft dazu auf, sich zu koordinieren, zu trainieren und mit Konfrontation zu planen. Genau dieser Teil hätte für mich nicht sein müssen.
Ich sage das nicht, weil ich das Problem kleinrede. Es gibt Städte, vor allem im Osten, in denen Menschen Angst haben müssen, wenn sie sich als Antifaschisten zu erkennen geben. Jugendclubs werden überfallen. Da ist längst eine Grenze überschritten, und wer sich dort wehrt, den verstehe ich.
Aber der Song macht daraus eine allgemeine Handlungsempfehlung. Und da bin ich raus. Wenn wir anfangen, uns Menschen auszusuchen, die wir für Nazis halten, und sie zusammenschlagen, dann ist das keine Lösung. Wer entscheidet, wer dazugehört? Und wer garantiert, dass es stimmt?
Vieles daran kenne ich schon
Aufkleber kleben, Parolen an Wände sprühen: Das haben wir in meiner Jugend gemacht. Ich glaube nicht, dass es viel gebracht hat, außer zu zeigen, dass man keine Nazis mag. Ob es einem Nazi Angst macht, wenn an der Hauswand steht, dass er hier nicht erwünscht ist, bezweifle ich.
Auch das Anschwärzen von Faschisten kommt mir aus der Zeit gefallen vor. Vor dreißig Jahren konnte es Folgen haben, wenn in der Nachbarschaft bekannt wurde, dass jemand Nazi ist. Heute interessiert das viele Arbeitgeber und Nachbarn wenig. Zum Teil, weil sie es nicht wissen wollen. Zum Teil, weil sie ähnlich denken.
Wovor ich mehr Angst habe
Über all dem steht für mich eine andere Sorge. Die Schläger auf der Straße sind gefährlich, keine Frage. Aber sie sind wenige, und sie werden angeheizt.
Mehr Angst habe ich vor denen, die im Hintergrund agieren. Vor den Kommentaren unter Beiträgen, in denen Gewaltfantasien stehen, die vor ein paar Jahren niemand aufgeschrieben hätte. Vor einer Partei bei 25 Prozent, Tendenz steigend. Die Leute, die sie wählen, sind nicht alle Nazis. Aber sie nehmen eine Politik in Kauf, die rassistisch und menschenfeindlich ist.
Manchmal denke ich weiter, als mir lieb ist. Zwei Vorstellungen davon, wie Gesellschaft aussehen soll, stehen sich gerade so gegenüber, dass ich mich frage, wie das enden soll. Ich hoffe, dass dieser Gedanke ein Gedanke bleibt.
Was mir gefehlt hat
Am Ende bleibt bei mir vor allem ein Bedauern. Das Thema ist wichtig, und in vielem liegt Danger Dan nicht falsch. Aber der Song erzählt eine Geschichte, die ich so ähnlich vor dreißig Jahren schon gehört habe. Links gegen rechts, beide rüsten auf.
Antifaschismus heißt für mich in erster Linie etwas anderes: den Faschismus aus den Köpfen zu bekommen. Rassismus, Aggression, das ganze Denken dahinter. Das bekommen wir nicht heraus, indem wir einzelne Leute herausgreifen und verprügeln.
Was ich mir gewünscht hätte, ist die Frage, wie kreativer Antifaschismus aussehen könnte. Wie wir Menschen erreichen, statt sie zu bekämpfen. Diese Frage finde ich gerade wichtiger als die, wer wen zuerst schlägt.
Zum Ansehen
Im Video gehe ich den Song von vorne bis hinten durch und sage an jeder Stelle, was ich denke. Es sind 37 Minuten geworden, mit Kapiteln, damit du zu den Stellen springen kannst, die dich interessieren.
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Schreib mir gerne in die Kommentare, was du von dem Song hältst.





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