Am vergangenen Montag haben die SPD, die Grünen, die Linke und zahlreiche Politiker dieser Parteien die Plattform X (ehemals Twitter) verlassen. Begründet wird dieser Schritt mit dem Argument, die Plattform sei in den vergangenen Jahren im Chaos versunken und fördere Desinformation.
Die Parteien hätten ihre Reichweite nutzen können, um denen den Rücken zu stärken, die auf X geblieben sind und dort täglich gegen den wachsenden Hass anschreiben. Solidarität im Netz heißt für mich, den Platz nicht denen zu überlassen, die am lautesten sind. Wir sollten sichtbar bleiben, und zwar an der Seite derer, die sich dort für unsere Werte einsetzen. Dieser Rückzug ist kein mutiges Statement, er führt in die Isolation.
Und wenn man sich entscheidet, eine so große Bühne zu verlassen, dann sollte dieser Schritt gut gemacht sein. Was am Montag zu sehen war, hat mich handwerklich nicht überzeugt.
Verschiedene Parteien und etliche Abgeordnete haben exakt denselben Textbaustein unter #WirVerlassenX gepostet. Kein persönliches Wort, keine eigene Begründung. Das wirkte wie ein Kettenbrief. Vielleicht erinnert ihr euch an die alten Facebook-Posts, mit denen alle per Copy und Paste einer angeblichen Gebühreneinführung widersprochen haben. Auf diesem Niveau war das.
Ich arbeite beruflich jeden Tag daran, Botschaften glaubwürdig zu vermitteln. Deshalb frage ich mich, wo die Social-Media-Teams waren. Mit diesem lieblosen Abschied haben die Parteien ihren Gegnern eine Steilvorlage geliefert. Wer ernst genommen werden will, muss mit eigener Stimme sprechen. Ein Abschied per Copy und Paste ist das Gegenteil davon.
Ich verstehe gut, dass man keine Lust mehr auf Trolle, Bots und Musks Algorithmen hat. Aber Politik ist kein Privatvergnügen, bei dem man den Stecker zieht, sobald die Stimmung kippt.
Eine Demokratie muss auch im Netz sichtbar sein. Das heißt, dort zu sein, wo die Menschen sind, auch wenn die Umgebung unangenehm ist. Wenn wir diesen Raum verlassen, überlassen wir ihn nicht dem Zufall, sondern denen, die Hass und Spaltung wollen. Gegenrede braucht Präsenz. Ich wünsche mir von den großen Parteien, dass sie bleiben und zeigen, wie Haltung aussieht, auch dann, wenn es unbequem wird.





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