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WirVerlassenX ist ein fatales Signal

Am Montag haben die SPD, die Grünen und die Linke kollektiv die Plattform X verlassen. Während ich den Frust über Elon Musks Kurs absolut teilen kann, halte ich diesen Rückzug für eine gefährliche Kapitulation vor den lautesten Schreihalsen. Demokratie braucht Präsenz – gerade dort, wo es ungemütlich wird.

#WirVerlassenX ist ein fatales Signal

Am vergangenen Montag haben die SPD, die Grünen, die Linke und zahlreiche Politiker dieser Parteien die Plattform X (ehemals Twitter) verlassen. Begründet wird dieser Schritt mit dem Argument, die Plattform sei in den vergangenen Jahren im Chaos versunken und fördere Desinformation.

Eigentlich hätten die Parteien ihre Reichweite und ihren Einfluss nutzen müssen, um all jenen den Rücken zu stärken, die auf X geblieben sind und dort tagtäglich gegen den wachsenden Hass anschreiben. Solidarität im Netz bedeutet eben nicht, den Platz kampflos denen zu überlassen, die am lautesten brüllen. Wir sollten laut bleiben – und zwar direkt an der Seite derer, die für unsere Werte den Kopf hinhalten. Dieser Rückzug ist kein mutiges Statement, das ist Isolation.

Und mal ganz unter uns: Wenn man sich entscheidet, so eine riesige Bühne zu verlassen, dann muss das sitzen. Was da am Montag abgeliefert wurde, war handwerklich einfach nur schwach.

Dass verschiedene Parteien und etliche Abgeordnete exakt denselben Textbaustein unter #WirVerlassenX gepostet haben, ist fast schon peinlich. Kein persönliches Wort, keine eigene Begründung. Das wirkte wie ein unpersönlicher Kettenbrief. Erinnert ihr euch noch an diese alten Facebook-Dinger, wo alle per Copy & Paste einer Gebühreneinführung widersprochen haben? Exakt dieses Niveau war das.

Ich sitze jeden Tag an Projekten, bei denen es darum geht, Botschaften glaubwürdig und echt rüberzubringen. Da frage ich mich echt: Wo waren die Social-Media-Teams? Hat da keiner mal kurz nachgedacht? Mit dieser lieblosen Nummer haben sie den Gegnern die perfekte Steilvorlage geliefert. Wer ernst genommen werden will, muss authentisch sein. Ein Copy-and-Paste-Abschied ist das Gegenteil davon, es zeigt eigentlich nur, dass man das Internet nicht verstanden hat.

Ich verstehe ja, dass man keine Lust mehr auf die Trolle, Bots und Musks Algorithmen hat. Aber Politik ist kein Privatvergnügen, bei dem man den Stecker zieht, sobald die Stimmung kippt.

Wir brauchen eine Demokratie, die auch im Netz Zähne zeigt. Das heißt: Wir müssen dort sein, wo die Menschen sind – auch wenn die Umgebung feindselig ist. Wenn wir den Raum räumen, überlassen wir ihn ja nicht dem Zufall, sondern ganz gezielt den Leuten, die Hass und Spaltung wollen. Echte Gegenrede braucht Präsenz und Mut. Ich erwarte von den großen Parteien, dass sie nicht flüchten, sondern zeigen, wie Haltung wirklich aussieht. Wir müssen da bleiben, wo es wehtut. Nur so kann sich etwas bewegen.

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