Warum KI mein Denken nicht ersetzt, sondern herausfordert

Es war eine Meldung, die mich gleichermaßen schmunzeln ließ und nachdenklich stimmte: Papst Franziskus hat sich kürzlich in einem Gespräch mit Priestern recht deutlich gegen den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) beim Schreiben von Predigten ausgesprochen. Seine Begründung: KI sei schlicht nicht in der Lage, den Glauben weiterzugeben. Genau das sei aber der Kern, die eigentliche Aufgabe einer Predigt.
Man könnte das jetzt als technologische Berührungsangst abtun, doch ich finde, der Papst rührt hier an einen sehr wunden Punkt, der weit über die Kirche hinausgeht. Er spricht von der authentischen Verbindung zwischen dem, der spricht, und denen, die zuhören.
In meinem Beruf arbeite ich täglich an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Ich weiß, wie verführerisch es ist, einem Algorithmus das Feld zu überlassen, wenn mich die weiße Seite anstarrt. „Schreibe mir eine Predigt zum Thema Nächstenliebe“ – ein Klick, und Sekunden später steht da ein Text. Er ist grammatikalisch korrekt, theologisch vielleicht sogar fundiert. Aber ist er wahrhaftig?
Ich möchte dem Papst hier gar nicht widersprechen, aber ich möchte das Thema ein wenig differenzierter betrachten. Denn zwischen „alles von der Maschine schreiben lassen“ und „KI komplett verteufeln“ liegt ein Gestaltungsspielraum, den wir gerade erst entdecken. Es geht nicht darum, den menschlichen Geist zu ersetzen, sondern ihn zu unterstützen.
KI ist in der Kirche angekommen, genau wie in unseren Agenturen und Redaktionen. Die Frage ist nicht, ob wir sie nutzen, sondern wie wir sie einsetzen, ohne dabei das zu verlieren, was uns ausmacht: unsere ganz persönliche Botschaft, unsere Seele und – ja, in diesem Beispiel auch unseren Glauben.
Wenn der Papst davor warnt, dass eine KI den Glauben nicht weitergeben kann, dann beschreibt er ein ganz praktisches Problem der Kommunikation: Eine Predigt – oder jeder Text, der Menschen wirklich bewegen soll – ist mehr als nur der Austausch von Informationen. Es geht um den persönlichen Bezug.
Das Problem bei Texten, die komplett von einer KI generiert wurden, liegt in ihrer Funktionsweise. Ein Algorithmus berechnet statistische Wahrscheinlichkeiten. Er setzt Wörter so zusammen, wie sie in Millionen anderen Texten bereits vorkommen. Das Ergebnis ist oft glatt, fehlerfrei und inhaltlich korrekt, wirkt aber seltsam unpersönlich.
Warum hat der Papst also recht? Weil wir Menschen sofort spüren, ob jemand wirklich hinter dem steht, was er sagt, oder ob nur Phrasen gedroschen werden. Eine KI hat keine eigene Biografie, keine Zweifel und keine persönlichen Erlebnisse, aus denen sie schöpfen kann. Wenn ich als Redner oder Schreiber komplett hinter dem Algorithmus verschwinde, fehlt das Entscheidende: die eigene Haltung.
Wer Menschen erreichen und „mitnehmen“ will, muss selbst im Text präsent sein. Ein Inhalt ohne ein echtes „Ich“ wirkt auf das Gegenüber oft künstlich und unverbindlich. Er liefert zwar Fakten, löst aber kein echtes Nachdenken oder gar eine Veränderung aus.
Wenn du mich fragst, ob ich KI zur Erstellung meiner Texte benutze, ist die Antwort ein klares Ja. Das mag nach dem zuvor Gesagten wie ein Widerspruch klingen, ist es aber nicht. Es kommt entscheidend auf das „Wie“ an.
Mein Weg sieht nicht so aus, dass ich einer KI ein Stichwort hinwerfe und das Ergebnis ungesehen kopiere. Damit würde ich genau das tun, was ich kritisiere: Ich würde mein eigenes Denken delegieren. Stattdessen nutze ich die Tools als digitale Hilfsmittel.
Alles beginnt mit der Recherche. Neben der klassischen Suche nutze ich KI-gestützte Tools, um Fakten zu bündeln und Quellen zu finden. Der entscheidende Schritt folgt danach: Ich schreibe meinen ersten Entwurf selbst. Dabei achte ich noch nicht auf die perfekte Struktur oder geschliffene Formulierungen. Ich schreibe „wild“ darauf los, um meine eigenen Gedanken, meine Haltung und meine persönliche Sprache festzuhalten.
Diesen rohen Text füttere ich dann in ein KI-Tool. Aber nicht mit dem Befehl „Mach das schön“, sondern als Einstieg in ein Gespräch. Ich frage den Chatbot nach seiner Meinung.
Hier liegt für mich der enorme Vorteil. Es entwickelt sich ein digitaler Chat, der oft neue Anregungen bringt und mich dazu zwingt, noch tiefer in mein eigenes Thema einzutauchen. Das macht den Schreibprozess nicht unbedingt schneller, aber der Text wird dadurch fundierter und interessanter.
Wichtig ist dabei: Ich bleibe der Chef im Ring. Alles, was die KI an Fakten oder Argumenten liefert, muss überprüft werden. KI-Systeme neigen dazu, Dinge sehr plausibel klingen zu lassen, selbst wenn sie frei erfunden sind. Ohne einen kritischen Faktencheck geht es also nicht. Am Ende nutze ich die KI wieder für den Feinschliff – etwa um Wortwiederholungen zu vermeiden oder den Aufbau logischer zu gestalten. Das spart dann wirklich viel Zeit.
Am Ende des Prozesses steht der Feinschliff. Hier hilft die KI enorm dabei, Texte flüssiger zu machen oder sie auf eine bestimmte Länge zu kürzen. Aber auch hier gilt: Jede Änderung muss von mir autorisiert werden. Klingt das noch nach mir? Entspricht diese Zuspitzung noch meiner eigentlichen Aussage? Nur wenn ich diese Fragen mit „Ja“ beantworten kann, ist der Text fertig.
Wie wir sehen, ist es zu kurz gegriffen, den Einsatz von KI bei der Erstellung von Texten – oder eben Predigten – pauschal abzulehnen. Die entscheidende Frage ist nicht das „Ob“, sondern das „Wie“. Wenn wir die KI als billigen Ersatz für das eigene Denken nutzen, hat der Papst recht: Dann bleibt die Seele auf der Strecke und die Botschaft wird zur hohlen Phrase.
Richtig angewendet kann uns die Technik aber sogar kreativer machen. Sie liefert uns Denkanstöße, die wir allein vielleicht übersehen hätten, und sie nimmt uns bei ständig wiederkehrenden Aufgaben die Last ab, damit wir mehr Zeit für die eigentliche inhaltliche Tiefe haben. Ein Priester, der durch die Unterstützung einer KI Zeit gewinnt, um sich intensiver mit den Sorgen seiner Gemeinde zu beschäftigen, nutzt die Technik im besten Sinne des Wortes: als Dienst am Nächsten.
Solange wir die KI als Werkzeug begreifen und nicht als Autor, bleibt unsere eigene Meinung, unser Glaube und unsere Persönlichkeit erhalten. Wir dürfen die Verantwortung für unser Wort nicht an einen Algorithmus delegieren, aber wir dürfen uns von ihm helfen lassen, dieses Wort präziser, verständlicher und vielleicht sogar inspirierender zu gestalten.
Am Ende geht es immer um die Verbindung zwischen Menschen. Die Technik ist nur das Mittel zum Zweck. Wenn sie uns hilft, unsere Gedanken klarer zu fassen und andere Menschen besser zu erreichen, dann ist sie ein Gewinn – ganz ohne dass wir dabei auf unsere eigene Stimme verzichten müssen.
